Home :: Vorträge :: 20.03.2009 - Toleranz in den himmlischen Religionen (Teil 20)
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Redner: Hojjat-ul-Islam Dr. S.M.N. Taghavi

Toleranz in den himmlischen Religionen (Teil 20)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
 
Lobpreis gebührt Gott, dem Herrn der Welten, Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten.
Ich rate mir selbst und Ihnen zu Frömmigkeit und Gottesfurcht.
  
Die Eigenschaften der Frommen
 
Frömmigkeit und Gottesfurcht weisen bestimmte Merkmale und Besonderheiten auf, von denen wir einige kurz erwähnen möchten. Diese Merkmale werden sowohl im Heiligen Qur’an wie auch in den Überlieferungen erwähnt, so z. B. in Sure al-Baqara, Vers 177, wo es heißt:
 
„Die Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen wendet, sondern Frömmigkeit besteht darin, dass man an Gott und den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten glaubt, und vom Besitz aus Liebe zu Ihm, den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, den Reisenden und den Bettlern weggibt und für (den Freikauf von) Sklaven, das Gebet zu verrichten und die Almosenabgabe zu entrichten; und die ihre Verpflichtung einhalten wenn sie sich verpflichtet haben und die Geduldigen bei Unglück und Leid und in Zeiten der Gewalt – das sind diejenigen, die wahrhaftig sind und das sind diejenigen, die sich (mittels Gottesfurcht) schützen.“ (Sure al-Baqara, Vers 177).  
 
Eine besondere Eigenschaft der Gottesfürchtigen ist die Übereinstimmung von Wort und Tat. Diejenigen, die nur reden und ihre Worte nicht in die Tat umsetzen, achten nur auf die Äußerlichkeiten von Dingen, auf Äußeres ohne Geist und Bedeutung. Deshalb sehen wir, dass im Heiligen Qur’an der Glaube häufig mit dem Handeln verbunden und ergänzt wird.
 
Gottesfürchtige und fromme Menschen sind nicht nur in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dingen behilflich und beweisen das auch in ihrem Handeln, sondern sie sind auch in der Anbetung Gottes Menschen der Tat:
 
 „Wahrlich, die Gottesfürchtigen werden inmitten von Gärten und Quellen sein, (und das) empfangen, was ihr Herr ihnen gegeben hat, weil sie vordem Gutes zu tun pflegten. Sie schliefen nur einen kleinen Teil der Nacht, und vor Tagesanbruch suchten sie stets Vergebung, und von ihrem Vermögen war ein Anteil für den Bittenden und den Unbemittelten bestimmt.“(Sure aª-zariyat, Verse 15-19).
 
Diese frommen Menschen zeigen ihre Hilfsbereitschaft in ihrem Tun, sie unterstützen die Bedürftigen, beten in der Nacht und bereuen mit aufrichtiger Wahrhaftigkeit in Einsamkeit. Ihre Worte sind ebenso aufrichtig wie ihr Tun und stimmen miteinander überein: Es sind diejenigen, die wahrhaftig sind und sich (mittels Gottesfurcht) schützen. 
 
Auch in den islamischen Überlieferungen ist von den Eigenschaften der Frommen und Gottesfürchtigen die Rede und wiederholt wird auf deren Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit verwiesen, wie z. B. in der HammÁm-Predigt von Imam þAlÍ (a.s.), in der es heißt, dass die Rede der Gottesfürchtigen richtig und ehrlich ist. Sie sprechen nicht über Dinge, die sie in der Tat nicht zeigen können. In einer Überlieferung von Imam Mu½ammad al-BÁqir (a.s.) überliefert dieser von Imam AlÍ (a.s.):
 
„Die Frommen haben bestimmte Eigenschaften, mittels derer sie erkannt werden, wie Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Treue usw.“ (Mizan al-Hikmah).
 
Gott gewähre uns die Gnade, dass wir zu den Gläubigen der wahrhaftigen Tat und den wahren Gottesfürchtigen gehören mögen, so Gott will.
 
 Abschließende Zusammenfassung des Themas „Toleranz im Islam“
 
Wie aus der Erörterung des Toleranzbegriffes anhand des Heiligen Qur’an und den islamischen Überlieferungen ersichtlich wurde, ist der Islam die Religion der Toleranz. Der Prophet des Islam (s.a.s.) selbst ist ei Symbol der Toleranz, denn er war nicht nur den Muslimen gegenüber, sondern auch den Nichtmuslimen und Anhängern der anderen Religionen und sogar den Götzendienern gegenüber tolerant. Der Islam sieht zwischen der Toleranz und der Vernunft - als der größten göttlichen Gnade für den Menschen, die ihn vor allen Geschöpfen auszeichnet -eine sehr enge Verbindung. Die vernünftigsten Menschen sind aus der Sicht des Islam diejenigen, die anderen gegenüber am tolerantesten sind. Von Prophet Muhammad (s.a.s.) ist überliefert, dass er sagte:

“Die Vernunft des Menschen zeigt sich in der Toleranz gegenüber den Menschen.“
 
Die Menschlichkeit und die Vernunft gebietet uns die Toleranz. In diesem Zusammenhang hat Imam þAlÍ (a.s.) festgestellt, dass der Gipfel der Weisheit in der Toleranz liegt. Und der Prophet des Islam (s.a.s.) hat Toleranz sogar als Hälfte des Glaubens bezeichnet. In diesem Sinne empfiehlt der Islam Toleranz nicht nur gegenüber der Familie und Freunden, sondern selbst gegenüber Feinden. Wir haben auf die in den islamischen Überlieferungen erwähnten Auswirkungen von Toleranz und Intoleranz hingewiesen und festgestellt, dass die Menschen aufgerufen werden, in ihrem Handeln tolerant und nachsichtig zu sein. In den Lebensgeschichten des Propheten des Islam (s.a.s.) und der großen islamischen Persönlichkeiten sehen wir, was Toleranz bedeutet. Der Prophet des Islam (s.a.s.) wurde zu Beginn seiner prophetischen Mission von den Götzendienern häufig beleidigt und verletzt. Er selbst (s.a.s.) hat gesagt, dass kein Prophet von seinem Volk so geschmäht und beleidigt wurde wie er selbst. Doch die Reaktion des Propheten (s.a.s.) auf diese Anfeindungen besteht darin, dass er für sein Volk betet und sagt:
 
„O Gott, vergib diesem Volk, denn es kennt die Wahrheit nicht.“
(Bihar al-Anwar, Bd. 98, S. 167).
 
Dieser Prophet ist nach der Befreiung Mekkas seinen Widersachern mit der größtmöglichen Toleranz begegnet, obwohl er die gesellschaftliche und politische Macht innehatte. Er gewährte seinen Gegnern und all jenen, die ihn beleidigt und ihm Leid zugefügt hatten, Amnestie. Über diesen Propheten (s.a.s.) hat Gott gesagt:
 „Und Du verfügst wahrlich über großartige Tugendeigenschaften.“ (Sure al-Qalam, Vers 4).
 
Das ethische und gesellschaftliche Ergebnis dieser Toleranz im Islam war derart, dass nicht nur der Prophet des Islam (s.a.s) und die reinen Nachkommen seiner Familie (a.s.) Vorbilder in dieser Hinsicht waren, sondern auch die islamischen Gelehrten und Denker, deren Gedanken sich in den islamischen Gebieten verbreitet haben und eine vorbildhafte Toleranz im individuellen und gesellschaftlichen Leben vermittelten. Große islamische Persönlichkeiten, Philosophen und Mystiker wie Ibn Arabi, Rumi, Saadi oder Ferdousi sind solche Beispiele. Wenn in den islamischen Überlieferungen von Vernunft und Toleranz die Rede ist, sehen wir, dass Ferdousi dazu feststellt: Die Toleranz ist der Bruder der Vernunft - wie der Herr des Lebens ist die Vernunft, und die Menschen sollen in der Welt reine Toleranz zeigen. Für Saadi sah in Toleranz und Ausgewogenheit wiederum die Lösung für den Menschen.
 
Der wichtige Punkt ist der, dass Toleranz die Hauptbotschaft des Islam ist, und wie der Prophet des Islam, Mohammad (s.a.s.), festgestellt hat, ist Toleranz die Botschaft aller abrahimitischen Religionen, die wir in unserem individuellen und gesellschaftlichen Leben verwirklichen sollen. Es ist eine im Islam sehr angesehene Eigenschaft, als starker oder mächtiger Mensch tolerant zu sein. Gleiches trifft auch auf der Ebene der Herrschaft zu, wie wir in dem Regierungsauftrag
Imam þAlÍs an MÁlik al-AÊtar sehen, in dem die Bedeutung eines nachsichtigen und toleranten Umgangs mit den Menschen hervorgehoben wird. Der Umgang der Menschen miteinander soll auf allen Ebenen des Lebens von Freundlichkeit und Toleranz geprägt sein, wie der Heilige Qur’an unmissverständlich feststellt:
 „…und sprecht freundlich zu den Menschen…“ (Sure al-Baqara, Vers 83).
 
Und ein Qur’ankommentator wie z. B. Allameh Tabataba’i stellt im Zusammenhang mit diesem Vers fest, dass es für diesen freundlichen und nachsichtigen Umgang mit den Menschen keine Ausnahme gibt, egal ob es sich um Muslime oder Nichtmuslime handelt. Wenn also jemand vom Glauben oder Islam spricht, muss er Toleranz üben, denn andernfalls ist sein Glaube und sein Islamverständnis unvollständig, und er ist der islamischen Lehre vielmehr fern. Der wahre Muslim und Gläubige praktiziert die islamischen Empfehlungen und nimmt sich den Propheten des Islam (s.a.s.) zum Vorbild.
 
In der Hoffnung, dass in dieser Frühlingszeit, in der die Natur zu neuem Leben erwacht,  auch das freundliche und gute Verhalten und die Toleranz in uns selbst erblühen und der gute Duft der schönen Moral und des guten Verhaltens uns alle erfreuen möge, so Gott will. Und der Friede sei mit euch und die Gnade Gottes und Seine Segnungen.

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