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Wichtiges Treffen des EU-Kommissionspräsidenten Barroso und EU-Ratsvorsitzenden Schüssel mit Vertretern der Weltreligionen in Brüssel

Der 30. Mai 2006 war ein wichtiger Tag für die Religionen in Europa. Führende EU-Politiker diskutierten in einer Sitzung mit 16 hochrangigen Vertretern der Weltreligionen über grundlegende Rechte, gegenseitigen Respekt und religiöse Annäherung. In dieser Sitzung in Brüssel, die von EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso und dem EU-Ratsvorsitzenden und österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel initiiert wurde, war, äußerten die hochrangigen Vertreter verschiedener Religionen in Europa in Vorträgen ihre Ansichten im Hinblick auf das Erreichen eines besseren gegenseitigen Verständnisses.
An dieser Konferenz nahmen folgende religiösen Persönlichkeiten teil:

  1. Richard Chartres, Bischof von London.

-      Dalai Lama, religiöser Führer der Buddhisten.

  1. Jean Arnold de Clermont, Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen.
  2. Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD.
  3. Ayatollah Seyyed Abbas Ghaemmaghami, Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg.
  4. Anas Shakfeh, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.
  5. Imam Abduljalil Sajid, Muslim Council for Religious and Racial Harmony.
  6. René Gutman, Großrabbiner von Strasbourg et du Bas-Rhin.
  7. Albert Guigui, Großrabbiner der Israelitischen Gemeinde Brüssel.
  8. Metropolit Emmanuel von Frankreich, Präsident der Orthodoxen Kirche.
  9. Bischof Athanasios von Archaia, Orthodoxe Kirche in der Türkei.
  10.  Hilarion Alfeyev, Bischof von Wien und Österreich.
  11. José Kardinal da Cruz Policarpo, Patriarch von Lissabon.
  12. Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien.
  13. Adrianus van Luyn, Kommissionspräsident der Bischofskonferenz der Europäischen Gemeinschaft.
  14. Joseph Sitruk, Großrabbiner von Frankreich.

Zu Beginn der Konferenz sagte Dr. Wolfgang Schüssel den Journalisten: „Unser Ziel ist die Veranstaltung regelmäßiger interreligiösen Dialogsitzungen in Europa, um die Probleme in den europäischen Gesellschaften zu lösen und Brücken zur Verständigung zwischen verschiedenen religiösen Überzeugungen zu schaffen.“ In seinem Vortrag führte er aus: „Religion ist ein Faktor für Verständigung und Freundschaft. Eine moderne Gesellschaft braucht Religion, und die heutige Konferenz ist ein Beispiel für Solidarität. Für Europa sind Themen wie Freiheit, Menschenwürde und Streben nach Wahrheit wichtig. Wie brauchen profundere Diskussionen, die über alltägliche Diskussionen hinausgehen“. In Bezug auf kritische Diskussionen sagte er: „Bei solchen Diskussionen sollte man klar und deutlich die Fehler erwähnen. Im Hinblick auf die Stellung Europas in der Welt können unsere Diskussionen weltweit gute Resultate haben.“
Im weiteren Verlauf der Konferenz hielten die religiösen Vertreter ihre Vorträge. Der nächste Vortragende war der Bischof der Orthodoxen Kirche in der Türkei, Athanasios von Archaia. Er bedankte sich bei den EU-Politikern für die Idee zum Gespräch mit religiösen Vertretern, bekräftigte die Notwendigkeit des Dialogs und sagte: „Die Karikaturen vom Propheten des Islam waren beleidigend und weckten bei vielen Menschen das Gefühl, dass die Grundrechte der Gläubigen nicht respektiert werden. Man darf den Islam nie mit Terrorismus gleichsetzen. Wir brauchen gegenseitigen Respekt. Leider wächst in Europa der Rassismus, und  Ausländer werden schlecht behandelt. Wir müssen ein Europa der Menschenrechte aufbauen und nicht nur ein Europa der Wirtschaft.“
Dr. Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, behandelte in seinem Vortrag die Frage nach der Grundsubstanz der Europäischen Idee und meinte, dass man sich bei dieser Idee nicht nur auf die nicht-religiösen Institutionen beschränken könne. Er sagte auch: „Wir brauchen die Religion. Eine Diktatur ohne Glauben ist denkbar, aber eine Demokratie braucht Glauben. Die Vergangenheit Europas ist mit dem Judentum und dem Christentum verknüpft, aber heute existiert religiöser Pluralismus. Die christlichen Kirchen können einen wichtigen Beitrag leisten, um die Kultur der Freiheit und eine Kultur des Respekts vor den Glaubensüberzeugungen anderer in den europäischen Gesellschaften zu verankern. Das Problem der Karikaturen habe gezeigt, dass man verantwortungsvoller handeln müsse. Die Freiheit darf nicht ausgenützt werden, sondern gegenseitiger Respekt müsse die Grundlage des Umgangs miteinander sein.“
Der nächste Vortragende dieser Konferenz war Metropolit Emmanuel, Präsident der Orthodoxen Kirche. Er sagte: „Manche versuchen die Religion abzuschaffen. In manchen Fällen hat der Säkularismus leider sogar Gewalt angewendet. Christentum, Judentum und Islam haben sich um mehr Dialog bemüht. Durch Dialog kann man die europäische Kultur fördern. Daher sollte man mit der Einrichtung einer dauerhaften Kommission für einen fortwährenden Dialog sorgen. Der Dialog sollte institutionalisiert werden.“
René Gutman, Großrabbiner von Straßburg, sagte in seiner Rede: „Heute ist Gott im Himmel froh darüber, dass wir neben einander sitzen. Integration ist sehr wichtig, aber Annäherung unterscheidet sich von Assimilation. Manche erwarten, dass die Minderheiten sich assimilieren und ihre Identität aufgeben. Hitler verbot als Erstes die religiöse Tierschlachtung. Heute sind Gewalt und Rassismus in Europa große Probleme. Wir müssen einander besser kennen lernen, denn wenn man einander nicht kennt, kommt es zu Gewalt und Angst. Alle religiösen Führer sollten versuchen, die Menschen einander näher zu bringen.“
Der nächste Vortragende dieser Sitzung war Herr Albert Guigui, Großrabbiner der Israilitischen Gemeinde Brüssel. Er sagte in seiner Rede, dass die göttliche Wahrheit vollkommen sei und niemand die ganze Wahrheit besitze. Er sagte auch: „Für Gott gibt es keine Grenzen. Er ist Gott aller Menschen. Wir müssen versuchen, die anderen zu verstehen. Im Heiligen Buch steht: ‚Du sollst deinen Nachbar wie dich selbst lieben.’ Dialog ist für die gegenseitige Verständigung sehr wichtig. Der religiöse Pluralismus in Europa ist eine Realität.“
Ayatollah Seyyed Abbas Ghaemmaghami, Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg, sagte in seinem Vortrag: „Die gegenseitige Verständigung ist im Wesen der Religionen versteckt und sollte nur entdeckt und nicht erzeugt werden.“ In Bezug auf die zwei großen göttlichen Religionen aus islamischer Sicht sagte er: „Islam bezeichnet die Essenz von Christentum und Judentum als einen wichtigen Teil seiner Identität. Daher bedeutet aus islamischer Sicht die Ablehnung dieser zwei Religionen die Ablehnung des Islam. Diese Überzeugung ist ein wichtiges Fundament für die gegenseitige Verständigung der Muslime mit den Anhängern anderer Religionen. Wenn Antisemitismus verurteilt wird (das muss auch verurteilt werden), dann sollte auch „Islambekämpfung“ verurteilt werden. In der europäischen Gesellschaft wird leider die Stimme der extremistischen Minderheiten so laut, dass die Öffentlichkeit sie als Vertreter und als wahres Gesicht des Islam ansehen; andererseits haben die wahren Vertreter des rationalen und gemäßigten Islam leider nicht die notwendigen Möglichkeiten, um ihre Botschaft  zu Gehör zu bringen. Es sollte nicht dazu kommen, dass die Muslime das Gefühl haben zwischen Islam (und „Muslim sein“) und ihrem aktiven sozialen Dasein  (und Integration in die europäische Gesellschaft) wählen zu müssen.“ Der Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg sagte zum Abschluss seiner Rede: „Wir denken, dass die Muslime ein Teil der europäischen Gesellschaft sind. Der Islam in Europa ist kein Gast. Wir müssen versuchen, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass der Islam in Europa heimisch wird.“
Der letzte Vortragende war der Dalai Lama, das spirituelle Oberhaupt der Buddhisten. Er sagte: „Ich bin ein einfacher Mönch. In der Vergangenheit wollte jedes Land seine Unabhängigkeit erreichen. Heute gibt es in Europa keine Grenzen mehr, da auf Grund gemeinsamer Nutzen eine Vereinigung besteht.
Das wichtige Ziel ist die gegenseitige Verständigung, und ich habe in diesem Zusammenhang einige Ansichten. Um zu einer Verständigung und Annäherung zu gelangen, sollte man wissenschaftliche und akademische Methoden vorweisen. Da die Substanz aller Religionen die gleiche ist und sie viele Gemeinsamkeiten miteinander haben, gibt es die Möglichkeit zur gegenseitigen Verständigung. Wir müssen das ganze Dasein lieben, denn das ist der Hauptweg zur Verständigung.“ In Bezug auf die wissenschaftliche Erfahrungen über gegenseitige Verständigung sagte er: „Säkularismus bedeutet nicht, Religionen abzulehnen, sondern sie alle zu respektieren. Sogar mit Nichtgläubigen sollte ein Dialog durchgeführt werden. Gegenseitiges menschliches Mitgefühl ist sehr wichtig.“
Am Ende der Sitzung  interviewten die Journalisten die Herren Dr. Schüssel, den EU-Ratsvorsitzenden, und Dr. Barroso, den EU-Kommissionspräsidenten. Herr José Manuel Barroso meinte, dass Europa verschiedene religiöse und kulturelle Erbe und Europa islamische Wurzeln habe. Er sagte auch: „Ich habe heute wichtige Notizen beim Zuhören gemacht, aber das ist nicht genug. Wir werden die Vortragstexte noch genauer studieren und Nutzen daraus ziehen.“ Herr Barroso warnte vor eine Isolierung der Muslime in Europa und sagte: „Wir müssen über den Islam als einen Teil der europäischen Gesellschaft reden und nicht über den Islam in Europa.“ Er sagte weiter: „Die Menschen mit islamischem Glauben sollten nicht zwischen ihrem Glauben und europäischen Werten entscheiden müssen. Europa sollte groß genug sein, um unterschiedliche Überzeugungen zu integrieren.“
Herr Schüssel sagte: „Die Vertreter der Muslime haben uns erklärt, dass es Unterschiede gibt zwischen einem „europäischen Islam“ und den islamischen Äußerungen aus anderen Teilen der Welt“; er lobte die Muslime in Europa, weil sie Verständnis für die Sorgen der Europäer um ihre Sicherheit zeigten und sich zu den europäischen Grundwerten bekannt haben. Schüssel sagte zudem, die Repräsentanten des „europäischen Islams“ hätten im Streit um die Prophetenkarikaturen anders reagiert als die, die einen „Islam in Europa“ wollen. „Wir sollten das anerkennen“, sagte er. Herr Schüssel sprach auch über die wertvollen Erfahrungen seines Landes Österreich beim Durchführen des interreligiösen Dialogs und des Dialogs zwischen Politikern und Vertretern der Religionen und bezeichnete diesen Dialog als eine „Exportware“. Manche Abschnitte der Vorträge der Herren Barroso und Schüssel waren eine Bestätigung des Vortrags von Herrn Ghaemmaghami an diesem Tag.

Herr Dr. Weninger, der politische Berater des Präsidenten der Europäischen Kommission für den Bereich „Dialog mit den Kirchen, religiösen Gemeinschaften und Humanismus“, schätzte die Zahl der Muslime in Europa auf ca. 40 Millionen und sagte: „Ein Drittel der europäischen Bevölkerung glaubt an ein absolutes Seiendes; und ein anderes Drittel hat mit Kirchen und Religionen Verbindungen, wenngleich oberflächlich. Das letzte Drittel hat mit seiner religiösen Gesellschaft eine nahe und regelmäßige Verbindung. Es ist ein großer Fehler, wenn wir diese Tatsachen und die Interessen der europäischen Bevölkerung nicht wahrnehmen.“

Vortrag von Ayatollah Ghaemmaghami:

Im Namen des erhabenen Gottes
 
Es ist mir eine große Freude, Zeuge eines ernsthaften Schrittes und eines Wendepunktes in der Geschichte des Dialogs zwischen Religionen zu sein. Dieser Schritt wird gewiss ein positiver Beitrag für den gesamtgesellschaftlichen Verständigungsprozess in Europa sein. Dafür möchte ich allen Initiatoren, insbesondere dem EU-Ratsvorsitzenden, Herrn Bundeskanzler Schüssel, und dem Kommissionspräsidenten, Herrn Barroso, ganz herzlich danken.
Ich habe immer betont, dass es keine Alternative zum Dialog gibt, und dass jede Gelegenheit zum Dialog als eine Chance für Verständigung genutzt werden muss. Integration ist eine richtige und kluge Idee, deren Notwendigkeit nicht bestritten werden kann. Es muss aber leider festgestellt werden, dass man die Integration bis heute als „staatliches Projekt“ verstanden hat. Integration ist jedoch ein gesellschaftlicher Prozess, dessen Verwirklichung die Partizipation aller Individuen, Gruppen und verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen voraussetzt. Dabei spielen natürlich auch staatliche Organe eine sehr wichtige Rolle. Im gesamtgesellschaftlichen Prozess werden in diesem Fall alle von den Ergebnissen dieses Prozesses profitieren. Dagegen wird die Behandlung der Integration als ein „Projekt“ die Gesellschaftsmitglieder nicht zur Übernahme von Verantwortung motivieren; vielmehr wird dies die Gleichgültigkeit der an diesem „Projekt“ nicht beteiligten Kräfte bewirken. Es kann sogar zu ambivalenten Gefühlen und negativem Widerstand führen. Es ist eine Tatsache, dass die mangelnde Beteiligung bei Menschen das Gefühl weckt, dass man ihnen von oben etwas aufzwingt. Der Widerstand gegen Zwänge ist in diesem Fall eine natürliche menschliche Reaktion. Der Staat als die wichtigste gesellschaftliche Institution leistet für die Integration als gesellschaftlichem Prozess einen entscheidenden Beitrag, aber dieser Beitrag soll nicht monopolistisch geleistet werden. Auch andere Elemente dieses Prozesses müssen beteiligt werden, denn ohne konstruktive Beteiligung dieser Kräfte wird der Integrationsprozess scheitern.
Religionen und heilige Glaubensvorstellungen stehen in ihrem wesentlichen Kern mit den tiefsten Gefühlen des Individuums in Verbindung. Diese Gefühle geben dem Einzelnen den Antrieb für Entscheidungen und Handlungen, und aus diesen Individuen setzt sich die Gesellschaft zusammen. Hinzu kommt, dass Religionen kraft der ihnen zur Verfügung stehenden Organisationen und Institutionen viel direkter auf die Gesellschaft einwirken. Folglich können sie einen unverzichtbaren Beitrag zur vollen und erfolgreichen Verwirklichung der Integration leisten.
Die Religion hat abgesehen von ihrer historischen Erscheinung als Judentum, Christentum und Islam ein gemeinsames Wesen. Man kann behaupten, dass Verständigung im Wesen aller Religionen verankert ist. Man muss das nicht entwerfen, sondern wieder entdecken.
Der Islam sieht Judentum und Christentum als einen wichtigen Teil seiner eigenen Identität an. Die Leugnung und Missachtung dieser Religionen kommen einer Selbstleugnung gleich. Diese gehört zu den Grundprinzipen der strategischen Beziehung zwischen Muslimen und den Anhängern anderer Religionen. Integration ist ein Kampf für die Beseitigung von Widersprüchen und Unstimmigkeiten zwischen Minderheit und Mehrheit, zwischen Individuum und Gesellschaft.
Damit die Integration erfolgreich bleibt, müssen bei Minderheiten Partizipationsmotivationen gestärkt werden. Es dürfen keine Bedingungen entstehen, in denen sich religiöse Minderheiten, insbesondere Muslime, gezwungen sehen, sich zu entscheiden, ob sie ihrer islamischen Lebensweise nachgehen, oder sich aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligen und damit die geltenden Traditionen und Werten der europäischen Gesellschaften akzeptieren wollen. Es liegt auf der Hand, dass die Entstehung solcher ambivalenten Gefühle die Muslime letztlich zur Flucht aus dem gesellschaftlichen Leben, Missachtung von Gesetzen und Opposition zur bestehenden Ordnung bringen werden. Es muss also alles getan werden, um die Entstehung solcher Gefühle zu verhindert und unter Kontrolle zu halten.
Was müssen wir tun? Jeder Lösungsvorschlag kann nur Früchte tragen, wenn er von Kooperation und Meinungsaustausch der religiösen und politischen Elite der europäischen Gesellschaften begleitet wird.
Damit Religionen im Integrationsprozess einen ernsthaften und effektiven Beitrag leisten können, müssen sie entsprechend der Bewahrung der Grundwerte der gesellschaftlichen Gegebenheiten heimisch werden, ohne ihre eigene Identität und Wahrheit zu verlieren. Wir verfügen im Islam über unterschiedliche und wesentliche Instrumente, die den Muslimen erlauben, heimisch zu werden und sich den örtlichen und zeitlichen Bedingungen anzupassen. Im Islam gibt es das Prinzip des „IºtihÁd“ (d. h. Urteilsbildung über rechtlich-theologische Fragen mittels selbständiger Interpretation der Quellen). Dieses Prinzip macht es möglich, durch Exegese und legitimierte neue Auslegungen der Vorschriften die islamische Lehre an örtliche und zeitliche Gegebenheiten anzupassen, ohne dass unsere Religion ihre Identität und grundlegenden Wertvorstellungen verliert. Ich spreche in diesem Zusammenhang von „legitimierten Auslegungen“, denn nicht jede beliebige Interpretation der islamischen Texte kann das Vertrauen und die Kooperation der Muslime hervorbringen.
Das Konzept eines „europäischen Islam“ ist dem Wesen nach wertvoll und kann im Hinblick auf die vorherigen Ausführungen mit dem Geist des Islam und islamischen Prinzipien harmonieren. Leider muss aber festgestellt werden, dass diese Idee bis heute eher in einem unqualifizierten, d. h. unreligiösen gesellschaftlich-politischen Rahmen diskutiert worden ist, und deshalb nicht die positive Aufmerksamkeit aller Muslime auf sich ziehen konnte. Die religiösen Führungspersönlichkeiten können und müssen ausgehend von ihrer gesellschaftlichen Kompetenz und unter Nutzung ihrer Auslegungslegitimation eine gemeinsame Definition des “europäischen Islam“ finden, dessen Rahmen und Grenzen bestimmen und seine praktische Legitimation und Durchführung garantieren. Dieser Schritt ist insbesondere deshalb notwendig, weil eine kleine aber lautstarke Minderheit in Form von Einzelpersonen oder Gruppen bemüht ist, aus verschiedenen Motivlagen heraus extremistische Auslegungen des Islam anzubieten, was die Harmonie zwischen den Muslimen und der europäischen Gesellschaft und damit die Integration stört. Die religiösen islamischen Führungspersönlichkeiten können als Sprecher des Islam mit einer authentischen Konzeption der islamischen Lehre diese extremistischen Strömungen, die den Islam missbrauchen und instrumentalisieren, ausschalten.
Damit der Islam in Europa heimisch wird und eine feste Form annimmt, müssen ernsthafte Schritte seitens der Muslime selbst und der europäischen Gesellschaft unternommen werden. Europa hat das Recht, Befürchtungen zu haben. Zu diesen Besorgnissen gehören z. B. der Verlust von kulturellen Werten, Errungenschaften der Aufklärung und die gesellschaftliche Integrität, die durch große Anstrengungen erreicht worden sind.
Minderheiten genießen hier gewisse Chancen und Gelegenheiten, die ihnen geboten werden. Dies verpflichtet sie zur Übernahme von Verantwortungen in der hiesigen Gesellschaft.
Der Islam erlaubt keinem Muslim, die herrschende Ordnung, gesellschaftliche Integrität und die Interessen der europäischen Gesellschaften zu missachten.
Die Bewahrung der gegebenen Normen und Werte und die Beachtung der gesellschaftlichen Interessen, sowie die Stärkung des gegenseitigen gesellschaftlichen Verständnisses sind hochrangige islamische Ziele und werden von unserer Religion betont. Deshalb müssen provokative Themen, die keinen konstruktiven Beitrag zur Harmonie und Verständigung zwischen Muslimen und der europäischen Gesellschaft leisten, ernsthaft überprüft und eventuell revidiert werden. Muslime müssen unter Zuhilfenahme des zuvor genannten IºtihÁds Flexibilität zeigen. Man kann die Grundprinzipien und Identitätsstiftenden Grundsätze des Islam beibehalten, aber dennoch den zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten gemäß eine neue Auslegung von bestimmten grundlegenden Themen anbieten und dabei Positionen klar und deutlich zum Ausdruck bringen.
Es bietet sich hier eine Palette von Themen an: Frauenrechte, Beziehung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, Ermitteln der genauen und klaren Sichtweise des Qur’an über Unglauben und Glauben, genaue Bestimmung des Verhältnisses zwischen Religion und Politik in der säkularen europäischen Gesellschaft, Teilhabe von Muslimen an Geschehnissen in einer Gesellschaft, deren Mehrheit Nichtmuslime sind, Gesetzestreue und Verpflichtung zu gesellschaftlichen Prinzipien und Normen, genaue Standortbestimmung des Verhältnisses zwischen Scharia und Gesetz und schließlich die Trennung zwischen religiöser Lehre von ethnisch-nationalen Traditionen.
In der Tat wird das Verhalten der Muslime oft mit islamischer Lehre gleichgesetzt. Viele dieser Verhaltensweisen und Vorstellungen haben mit der islamischen Lehre nichts zu tun. Diese Verhaltensweisen sind oft das Ergebnis einer Vermischung zwischen Traditionen und Gewohnheiten der Migranten mit ihrem Glauben.
Damit der Islam in Europa heimisch wird, müssen ernsthafte Schritte von europäischen Politikern unternommen werden. Auch christliche Führungspersönlichkeiten, welche die christliche Minderheit führen, sind gefordert. Bekämpfung des Islam und Islamophobie sind destruktive Methoden, welche extremistische Kräfte auf die Barrikaden bringen, die sich zum Sprecher des Islam erheben, obwohl sie in der Minderheit sind. Leider wird in dieser Gesellschaft die Stimme einer kleinen extremistischen Minderheit als Sprecher und wahres Gesicht des Islam lauthals dargestellt, während im Gegensatz dazu die Sprecher des wahren, d. h. rationalen und gemäßigten, Islam, nicht die Möglichkeit haben, ihre Stimme kundzutun. Ein weiteres Problem der Muslime ist ihr unterschiedlicher Status im Vergleich zu den anderen Religionen, der ihnen keine gleichen Möglichkeiten bietet, und folglich können sie viele Möglichkeiten für die Verbesserung ihres spirituellen und materiellen Zustandes nicht nutzen und werden davon abgehalten. Es wird erwartet, dass dieser unterschiedliche Umgang im Hinblick auf die Muslime beseitigt wird, weil ein solches Verhalten letztlich zur außergesellschaftlichen Abhängigkeit der Muslime führt.
Dies waren die wichtigsten Hindernisse für ein Heimischwerden des Islam, und die europäischen Gesellschaften sollen sich für deren Beseitigung ernsthaft engagieren. Der positive Umgang mit den Muslimen in Österreich ist ein wertvoller Schatz und Besitz, der in ganz Europa genutzt werden kann. Ein unterschiedlicher Umgang mit einer religiösen Minderheit und der Mehrheit wird sicherlich nicht zu gesellschaftlichem Verständnis und zu Solidarität beitragen.
Christen, Juden und Muslime, die in dieser Gesellschaft leben, sind alle Teil dieser Gesellschaft und Mitglieder eines Hauses und einer Familie, und sie sind gegenüber dem Schicksal dieser Familie und der Gesellschaft verantwortlich. Deshalb sollen alle die gleichen Bedingungen und Möglichkeiten vorfinden. In einem solchen Fall kann man vom europäischen Islam, d. h. einen Islam, der heimisch geworden ist, reden.
Die Muslime sind nicht nur in Europa, sondern sie sind ein Teil der europäischen Gesellschaft. Der Islam ist nicht nur als Gast in Europa, sondern man muss sich um die Schaffung vernünftiger Voraussetzungen bemühen, damit der Islam in Europa durch einen europäischen Islam ersetzt wird.