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Allahs Gastarbeiter (Stern Nr. 8 vom 16.02.2006)

Das uneingeschränkte Eintreten für einen deutschen bzw. europäischen Islam und die Realisierung der Integration der Muslime sind wesentliche Inhalte, die Ayatollah Seyyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami, der Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) und Vorsitzende der Islamisch-Europäischen Union der Schia-Gelehrten und Theologen (IEUS), im nachfolgenden Interview mit dem Nachrichtenmagazin Stern thematisiert hat.
 
 Stern Nr. 8 vom 16.02.2006
 
Allahs Gastarbeiter
 
Versöhner oder Spalter:
Rund 2400 Imamepredigen in Deutschlands Moscheen. Was verkünden sie? Wie leben sie? Was denken sie über das Land der Ungläubigen?
Ein Besuch bei den Stimmen des Propheten
 
 Der Gelehrte Imam:
Der Iraner Seyyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami, 37, ist ein Ayatollah, der jüngste der Welt und der einzige in Deutschland. In der Hamburger Imam-Ali-Moschee lauschen ihm bis zu 2000 Gläubige.
 
„Ich habe eine große Liebe zu den deutschen Philosophen“
 „Wie ein Imam nach Deutschland kommen und sich dann nicht für dieses Land interessieren kann, das kann ich nicht nachvollziehen“, sagt der Iraner Seyyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami. Er ist Imam der Imam-Ali-Moschee in Hamburg und ein echter Ayatollah. Das ist der höchste Rang für einen schiitischen Geistlichen, vergleichbar mit einem Kardinal in der katholischen Kirche. Hosseini Ghaemmaghami ist der einzige Ayatollah in Deutschland und mit 37 Jahren der jüngste der Welt.
Wenn das Frankfurter Bahnhofsviertel Deutschlands letzte Adresse ist, dann ist die Imam-Ali-Moschee die erste Adresse.Schöne Aussicht“ heißt die Straße direkt an der feinen Hamburger Außenalster. Zusammen mit einer Akademie und einer wertvollen Bibliothek bildet sie das „Islamische Zentrum Hamburg“ (IZH). Im Gebetsraum der Moschee liegt ein riesiger, runder, handgeknüpfter Teppich, auf dem an hohen Feiertagen schon mal über 2000 Gläubige beten. Jeder Raum, jeder Winkel der weitläufigen Anlage zeigt dem Besucher: Geld bereitet dieser Gemeinde keine Sorgen.

Das IZH ist nicht nur eine Moschee, sondern auch eine Außenstelle der iranischen Mullahs, die seit vielen Jahren vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Revolutionsführung im Iran hat einen ungewöhnlich liberalen Gelehrten nach Deutschland geschickt. Außer dem Gewand und dem Bart erinnert bei ihm wenig anm das Mullah-Regime, das einst eine Fatwa gegen Salman Rushdie erließ. Fatwas, religiöse Urteile, dürfen nur Ayatollahs aussprechen. Nach den Anschlägen in London im Juli vergangenen Jahres hat auch der Hamburger Ayatollah davon Gebrauch gemacht und eine Fatwa erlassen. Gegen religiöse Terroristen. Die Täter erwarte die härteste Strafe Gottes, und sie werden in die Hölle verbannt“.
 

Die Verbindung des Hamburger Ayatollahs zu Deutschland ist schon jahrzehntealt. Zu Zeiten des Schah-Regimes bekam er als Schüler ein Begabtenstipendium der deutschen Botschaft. Und später hat er neben islamischer Theologie noch Philosophie studiert. „Ich habe eine große Liebe zu den deutschen Philosophen“, sagt er. Gern wäre dieser Imam ein anerkannter Teil der deutschen Gesellschaft. „Ein Geistlicher, der sich nicht für die Gesellschaft interessiert, in der er lebt, kann kein guter Geistlicher sein.“
 
Mit Sorge beobachtet der Ayatollah die Folgen des Karikaturen-Streits in Deutschland. „Zurzeit werden unter einigen muslimischen Gruppierungen extremistische Ansichten vertreten, wonach die Integration ein unerreichbares Ziel sei. Muslime werden aufgefordert, die Mehrheitsgesellschaft zu bekämpfen.“ Natürlich verurteilt auch der Ayatollah die „Beleidigungen und Verhöhnungen des Propheten Mohammed. Diese Ereignisse dürfen aber nicht zum Anlass genommen werden, sich zu gesetzeswidrigen und aggressiven Handlungen hinreißen zu lassen“. Trotz des Streits hält Hosseini Ghaemmaghami die Integration der Muslime und des Islam in die europäischen Gesellschaften für notwendig. „Für beide Seiten. Dabei geht es aber nicht um einen Islam, wie er im Iran gelebt wird. Der Islam ist in allen Ländern unterschiedlich. Überall muss er sich an die Gesellschaft anpassen. Und genau so müssen wir es auch in Deutschland machen. Wir brauchen einen Islam deutscher Prägung.“