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Hier leben, denken und das Zuhause gestalten

 
Herr Ayatollah Seyyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami beendet seine Tätigkeit als Leiter des Islamischen Zentrum Hamburg und Imam der Imam Ali Moschee.
 
Er wurde im Mai 2006 von den Mitgliedern der Islamisch-Europäischen Union der Schia-Gelehrten und Theologen (IEUS) zum Vorsitzenden dieser Union gewählt.
Im März 2009 wurde der erste Verband der Schiiten (Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands, IGS) in Deutschland gegründet und Ayatollah Ghaemmaghami von den Verantwortlichen und Leitern der islamisch schiitischen Zentren und Moscheen mehrheitlich die Leitung dieses Dachverbandes übertragen.
 
Die Verantwortung als Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg und Imam der Imam Ali Moschee wird zukünftig Herr Hodschatulislam Reza Ramazani wahrnehmen.
 
Herr Ayatollah Ghaemmaghami hat in einem Brief an die Gemeinde des Islamischen Zentrums Hamburg und der Imam Ali Moschee einige Gedanken angesprochen, die im folgenden aufgeführt sind:
 
„Eine rationale Einschätzung und gerechte Beurteilung von guten oder schlechten Taten und Verhaltensweisen sind nur dann möglich, wenn die Gedanken von der Vernunft und Logik abgeleitet und diese beiden Prinzipien dabei beachtet werden. In der Tat müssen rationale Gedanken dem praktischen Verhalten vorangehen. Die zahlreichen Entscheidungen, Vorgehensweisen und ziellosen Äußerungen, die nicht von der Vernunft und klaren Logik abgeleitet werden, können niemals Kriterien für die Erkennung und Beurteilung von Hässlichkeit oder Schönheit und Gutem oder Bösem sein.“
 
„In einer Gesellschaft, die aus welchen Gründen auch immer, ein falsches Bild vom Islam und den Muslimen zeichnet, kann sich ein guter und verantwortungsbewusster Muslim nicht ungeachtet dieser Umstände und unbeeindruckt von den Geschehnissen in seinem Umfeld seinen religiösen Handlungen widmen und gleichzeitig den seine Person betreffenden Beurteilungen und Entscheidungen gegenüber gleichgültig sein.“
 
„Der Prophet des Islam (s.a.s.) hat uns gelehrt, dass man sich von jeglichen Äußerungen und Verhaltensweisen distanzieren sollte, die bei anderen zu Missverständnissen und unerwünschten Reaktionen führen könnten. Sollten wir uns trotzdem so verhalten haben, liegt die Verantwortung für diese hervorgerufenen Missverständnisse und falschen Beurteilungen und Erkenntnisse im Wesentlichen bei uns selbst, und wir müssen uns selbst tadeln. Folglich ist das Bemühen um gegenseitiges Verständnis in unserem Umfeld die unerlässliche Voraussetzung für Gläubigkeit und eine rechtgläubige Lebensführung.“
 
„Der Gedanke ‚entweder mit mir oder gegen mich’ widerspricht der Vernunft und ist gänzlich unislamisch. Andere ausschließlich nach den eigenen Wertmaßstäben, Meinungen und Ansichten zu beurteilen und zu bewerten und jedem, der unsere Meinungen und Ansichten teilt, mit Freundschaft und Gewogenheit zu begegnen, während im Gegensatz dazu jedem, der diesem Kreis nicht angehört, Feindschaft und Ablehnung bekundet wird, ist ein klarer Widerspruch zur islamischen Lehre. Wenn der Islam zur Koexistenz und freundschaftlichen Beziehung zu Nichtmuslimen einlädt, ist das niemals eine Taktik oder ein Mittel zur Anwerbung anderer Menschen, sondern rührt daher, dass er Verständnis und Respekt auf der Grundlage des gegenseitigen Verstehens zu den höchsten ethischen Werten des Menschen zählt.“
 
„Leider hat die anhaltende Krankheit, der eigenen ideologische Sichtweise den alleinigen Wahrheitsanspruches beizumessen, dazu geführt, dass einige Personen selbst den Dialog als Mittel benutzen, um andere an sich heranzuziehen und ihnen die eigenen Ansichten aufzuzwingen, anstatt im Sinne einer gegenseitigen Annäherung der beiden Seiten. In den vergangenen Jahren wurde erfolgreich der Versuch unternommen, die Idee des „Dialogs für Verständnis“ an die Stelle des „Dialogs für Propaganda und missionarische Aufgaben“ treten zu lassen. Es gelang in interreligiösen Gesprächen sogar immer häufiger und besser, dem „Dialog für Dialog“ den Weg aus geschlossenen Räumen und Vortragssälen in die Gesellschaft zu ebnen, wodurch die soziale Verständigung und Freundschaft zwischen den Gläubigen verschiedener Religionen in der Öffentlichkeit verdeutlicht werden konnten.“
 
„Man sollte nicht denken oder sich vorstellen, dass der im Kern der westlichen Gesellschaften bestehende Säkularismus ein großes Hindernis für den Glauben und eine islamische Lebensführung sei. Das Ergebnis des in dieser Gesellschaft anerkannten Säkularismus’ ist nichts anderes als Plura­lismus mit Gesellschaftsmitgliedern, die im Rahmen des gegenseitigen Verständnisses und der Wahrung ihrer Rechte verschiedene religiöse Identitäten und als Minderheiten und Mehrheiten die gleiche individuelle und religiöse Freiheit haben.“
 
„Das „Einheimischwerden des Islam und der Muslime“ ist ein Prozess, dessen Verwirklichung wie auch das Erzielen von Ergebnissen mit der Kenntnis der vorhandenen Kapazitäten dieser Gesellschaft möglich ist.“
 
„Der Schutz der islamischen Identität der muslimischen Generationen ist eine unbestreitbare und erforderliche Tatsache, für dessen Verwirklichung man sich mit allen Kräften bemühen sollte. Ich teile nicht die Meinung derjenigen, die für den Schutz dieser Identität die Gegensätzlichkeit und Distanz zu der Gesellschaft für erforderlich halten; ich bin vielmehr grundsächlich und prinzipiell davon überzeugt, dass ein Erreichen dieses Zieles nur unter der Voraussetzung eines gegebenen gegenseitigen Verständnisses möglich ist, was wiederum bedingt, dass die Realität der Muslime, ihre individuellen und religiösen Rechte und auch die gesellschaftlichen Kapazitäten und Möglichkeiten erkannt werden müssen, um aufgrund dieser Kenntnisse die entsprechenden Schritte in Richtung des Einheimischwerdens zu unternehmen.“ 
 
„Ich bin der Meinung, dass man mit einer Unterteilung der Menschen in Gläubige und Nichtgläubige, d. h. Anhänger anderer Religionen, die ihre Wurzel nicht im Koran haben, zu keiner Verständigung kommen kann. Die Ansicht, wonach man selbst gläubig und die anderen Ketzer sind, bzw. die Behauptung, dass eine Seite der Erde als Land der Gläubigen und die andere Seite als Land der Ungläubigen gilt, kann nicht als Vorbild für eine Koexistenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in den unterschiedlichen Gesellschaften dienen.“
 
„Das Schicksal der muslimischen Minderheiten ist in den europäischen Gesellschaften nicht vom Schicksal der anderen Menschen zu trennen. Es ist eine Tatsache, dass viele in diesen westlichen Gesellschaften lebende Muslime aus anderen Ländern gekommen sind. Sie möchten vielleicht nach wie vor mit ihren Gedanken und ihrem Verhalten in ihrer gewohnten Mentalität bleiben. Man kann aber nicht physisch in dieser Gesellschaft und gedanklich in irgendeinem anderen Land sein. Wenn wir in diesen Gesellschaften gegenwärtig sind, müssen wir in diesen auch leben, unser Zuhause gestalten und als Muslim und gläubiger Mensch leben. Zur Erreichung dieses Ziels muss man die vorhandenen Kapazitäten und Möglichkeiten dieser Gesellschaft kennen. Mit den Gedanken außerhalb dieser Gesellschaft zu sein, löst keine Probleme, sondern vermehrt diese und erzeugt Spannung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, in der man lebt.
Der Prozess des Einheimischwerdensdes Islam ist auch abhängig vom Bewusstsein von diesem Umstand, und durch die Gnade und Güte Gottes sind wir aufgrund dieser Sicht vom Einheimischwerden Zeugen für die Gründung der ‚Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands’, mit der engagierten und aktiven Beteiligung aller unterschiedlichen Zentren und Moscheen. Wenngleich viele von ihnen diversen Nationalitäten und Ethnien entstammen, sind sich aber alle einig, dass ihre Organisationen aus der deutschen Gesellschaft heraus entstanden und ihre Mitglieder als Teil der deutschen Gesellschaft aktiv sind. Zu den wichtigsten Zielen dieser Gemeinschaft zählen die Bemühungen zur Herbeiführung der gesellschaftlichen Integration bei gleichzeitiger Wahrung der islamischen Identität, enge und freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Anhängern anderer Religionen sowie Förderung der Dialogkultur zum Zwecke der Verbreitung von gegenseitigem Verständnis und Frieden.“
 
„Im Gegensatz zur Meinung mancher Extremisten, nach der im Westen kein offenes Ohr für die Muslime existiert und alle Wege für den Dialog und die Verständigung versperrt sind, finden wir heute zahlreiche offene Ohren und Augen für die Wahrheit suchenden Menschen, die bereit zum Hören und zum Dialog für Verständnis sind. Es gibt auf allen Ebenen dieser Gesellschaft Menschen, die ihre Kenntnisse und Urteile über den Islam aus einigen unwahren und feindlich gesinnten Informationen sowie aufgrund unvernünftiger Handlungen gewonnen hatten, diese aufgrund des Vernehmens der friedlichen und vernünftigen Stimme des Islam aber revidierten und berichtigten. Heute gehören einige von ihnen zu meinen persönlichen Freunden, die nun genau wissen, dass man den Islam weitsichtiger betrachten und erkennen muss, als aus einigen propagandistischen Darstellungen und Medien, und auch weitsichtiger als aus dem Blickwinkel und der Handlungsweise der gewaltbereiten und mit der Vernunft verfeindeten Scheinmuslime.“
 
Hamburg, im April 2009